Kulturschock Deutschland – Wie schwierig ist die Rückkehr nach einer Langzeitreise wirklich?

Und, habt ihr euch schon wieder eingelebt? Seid ihr froh wieder zuhause zu sein? Was war Euer Lieblingsland? Was das coolste Erlebnis? Dies sind nur einige Beispielfragen, die uns seit unserer Heimkehr gestellt wurden. Unser Gegenüber schaut uns dann immer wartend, mit großen Augen an und wir stehen da und wissen erstmal nicht, was denn jetzt für eine Antwort von uns erwartet wird?

Kann man sich wirklich nach der langen Zeit auf Reisen schon wieder nach so kurzer Zeit in Deutschland wohl fühlen und eingelebt haben? Wir haben 17 Länder bereist, ist es da möglich ein Lieblingsland zu haben? Wie es uns nach unserer Rückkehr nach knapp zwei Jahren aus Süd-, Mittel- und Nordamerika ergangen ist, erfahrt ihr im neuen Blogbeitrag.

Flughäfen in Deutschland

Es ist 10:00 Uhr morgens…Der Flieger katapultiert uns non-stop von New York nach Frankfurt. Die Luken der Boeing öffnen sich und wir atmen zum ersten Mal nach knapp zwei Jahren deutsche Luft in unsere Lungen ein. Die Beine zittern etwas auf dem Weg zum Gepäckband. Wir fühlen uns wie berauscht – vor Vorfreude endlich wieder unsere Familie und Freunde zu sehen – und auf der anderen Seite das Gefühl in uns zu spüren – krass die Reise soll jetzt wirklich „schon“ vorbei sein?  Dieses Gefühlschaos wird uns in den nächsten Tagen und Wochen noch öfter begleiten und für das ein oder andere Tränchen sorgen.

Da wir noch etwas auf unseren ICE nach Köln warten müssen, setzen wir uns in eine echte deutsche Bäckerei am Flughafen und beobachten das Treiben bei einem Schokocroissant samt Kaffee. Alle laufen hektisch durch die Gegend, sehen abgehetzt und so bleich aus?! „Das liegt bestimmt nur daran, dass wir am Flughafen sind“, reden wir uns ein und genießen erstmal unser Croissant und bestaunen die Auslage mit frischen richtigen Vollkornbrötchen!

Ankunft in Köln

Unser Zug fährt in Köln ein…Durch die Scheibe sehen wir bekannte Gesichter, die am Bahngleis auf uns warten! Familie und Freunde! Endlich! Wir sehen uns wieder! Die Willkommensfreude ist riesig und wir springen regelrecht aus dem fahrenden Zug, um unsere Liebsten in die Arme schließen zu können. Endlich wieder Zuhause!

Beim gemeinsamen Grillen am Nachmittag mit der Familie fühlen wir uns als wenn wir gerade mit ihnen über Skype telefonieren würden. Wir schauen uns verwirrt an, ist das hier wirklich real, dass wir alle zusammen am Tisch sitzen?! So ganz können wir es noch nicht glauben…bevor uns dann in den nächsten Tagen schnell die harte Realität einholt!

Welcome back to reality!

„Die Merkel hat uns zu einem Billiglohnland gemacht“, sprach der Arbeitsvermittler. „Natürlich werden sie hier ohne Probleme krankenversichert, wir sind schließlich nicht in Afrika“, sprach die Angestellte der Krankenversicherung mit dem großen A. „OK“, dachten wir uns, „die hat ihr Wissen anscheinend aus der Zeitung mit dem großen B.“  „Nächster Bitte, näääääächster Bitteeeee!!!“, schrie die gestresste Dame auf der KFZ-Anmeldestelle.

Diese und andere merkwürdige Aussagen erhalten wir, als wir in den nächsten Tagen ein paar unumgängliche Behördengänge vor uns haben.20180716_171010

Wir sind verwirrt und schockiert zu gleich. Wo sind denn all die netten Menschen hin, die uns während der Reise immer mit offenen Armen und einem Lächeln im Gesicht empfangen haben? Die uns neugierig nach unserer Herkunft und unserem Vorhaben befragen? Die uns zuwinken, wenn wir mit dem Bulli durch ihre Straßen fahren? Ach ja – reality check – wir sind ja wieder in Deutschland angekommen. Keiner hat Zeit, alle sind gestresst und wie es dem anderen so geht interessiert hier ja niemanden so wirklich! So stehen wir plötzlich der harten Realität gegenüber und in uns erwacht ein komisches Gefühl, dass wir abends bei einem Kölsch mit Freunden erst einmal wegspülen müssen. Gut das unsere Freunde mitgedacht haben, denn der Inhalt unseres Kühlschranks unterscheidet sich zum Glück nicht von dem unseres Bullis – das Grundnahrungsmittel ist also erstmal vorhanden! 😉

Das Leben in der Großstadt

Ist laut, voller Autos und vielen Menschen – aber eben doch auch das Leben, dass wir vor der Reise so geliebt haben. Viele unserer Freunde leben hier, es gibt gute Restaurants und Cafés, unendlich viele Einkaufsmöglichkeiten, Kino, Theater – eigentlich sollte es uns doch hier nicht langweilig werden, oder vielleicht doch???

Nach den ersten Wochen der überschwänglichen Freude all unsere Liebsten wieder zu treffen, kehrt so langsam etwas Ruhe ein. Wir haben viel gegrillt, alle wiedergesehen, und was nun? „Was machen wir denn dieses Wochenende“, höre ich Timo fragend. Hat irgendwie niemand Zeit! Na dann schauen wir halt ne Serie und machen es uns auf der Couch gemütlich. HALT! Schreit es aus unserem Inneren fast gleichzeitig, denn genau das wollten wir doch eigentlich nicht mehr machen?! Naja, aber was sollen wir denn sonst machen? Schon komisch wie sich Dinge plötzlich ändern können. Das heißt jetzt nicht, dass uns das Leben in Köln nicht mehr gefällt, aber wir haben einfach für uns festgestellt, dass es noch so viel da draußen zu entdecken gibt und unsere Neugierde noch lange nicht gestillt ist…

Wer oder was ist eigentlich diese Alexa?

Wir stehen bei Freunden im Wohnzimmer und plötzlich werde ich mit Alexa angesprochen. Haben unsere Freunde nach zwei Jahren meinen Namen vergessen? Oder kommen gerade noch andere zu Besuch? Wie durch Geisterhand ertönt Musik im Wohnzimmer und Alexa werden neue Befehle erteilt. Uns wird erklärt, dass dies jetzt das neuste Gerät ist, um noch schneller und einfacher den Alltag zu bewältigen oder an Informationen zu kommen und das ganze ohne Knopfdruck sondern mit Befehlansage.

Auf der Reise haben wir schnell festgestellt, dass wir ziemlich wenig zum Leben benötigen. Klar, der Stauraum im Bulli ist begrenzt, aber trotzdem hat sich unser Konsumverhalten stark verändert. Wenn wir uns heute Dinge kaufen, dann hinterfragen wir es viel stärker, ob wir es wirklich brauchen und schlagen nicht direkt zu, nur weil es gerade aktuell ist und scheinbar jeder haben muss.

Wir sind auf unserer Reise an sehr vielen schönen Orten gewesen und haben unglaubliche Landschaften sehen dürfen. Leider sind wir aber auch an vielen Orten vorbeigefahren, an denen sich der Müll am Straßenrand getürmt hat oder die Strände voller Plastik lagen. Hat man dies mit den eigenen Augen gesehen, realisiert man im Supermarkt erst einmal, wo das ganze wirklich her kommt. Auch hier versuchen wir mehr auf unser Einkaufsverhalten zu achten, was wirklich an eine Herausforderung grenzt – bei all dem Plastik-Verpackungswahn!

Wohnen auf 8qm versus 75qm

Wir haben unsere Wohnung während der Reise untervermietet und sind im Nachhinein froh darüber, da wir so nicht den Stress hatten eine Neue finden zu müssen. Nachdem wir nun also all unser eingelagertes Hab und Gut wieder nach Köln transportiert haben, die Wohnung einmal komplett gestrichen und geputzt haben, fühlen wir uns wieder etwas wohler.

Nichtsdestotrotz haben wir besonderes zu Beginn festgestellt, dass wir das draußen sein und 24 Stunden frische Luft zu haben schon sehr vermissen und unser Körper sich erst wieder daran gewöhnen musste. Plötzlich haben wir wieder viel mehr Platz, ein riesen Bett, ein eigenes Badezimmer, wir müssen nachts nicht durch die Dunkelheit zum Waschhaus oder nächsten Baum tapsen und welch ein Luxus, wir können die Räume wechseln. Aber dennoch vermissen wir unser gemütliches Zuhause auf vier Rädern und genießen es, als unser Bulli endlich in Amsterdam einläuft und wir ihn wieder in Empfang nehmen und auf 1,20m schlafen dürfen! Es ging natürlich erstmal zum nächstgelegenen Campingplatz, um den Bulli gebührend Willkommen zu heißen!

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Und was machen wir, wenn uns die Luft in der Großstadt zu eng wird und die Gedanken zu trübe? Na logisch, dann treffen wir uns mit Overlander-Freunden, die wir unterwegs kennengelernt haben, wie hier auf Willis Treffen an der Mosel. In geselliger Runde, bei Bierchen und Würstchen, wird dann erstmal stundenlang in Erinnerungen geschwelgt und die nächsten Reisepläne geschmieden.

Was nun?

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Nach rund fünf Monaten Zuhause ist wieder etwas Alltag bei uns eingekehrt. Es wird wieder gearbeitet und wir haben so etwas wie einen „geregelten“ Tagesablauf, wobei wir extra darauf achten, dass er dabei noch recht flexibel bleibt.

Denn Flexibilität ist das, was wir auf Reisen am meisten zu schätzen gelernt haben und gerade nicht mehr missen möchten. Auch wenn wir uns gerade wieder in Köln eingelebt haben, so wissen wir jetzt schon, dass dies nicht die letzte Reise für uns war.

Für das kommende Jahr steht aber erstmal ein neues Abenteuer bevor, denn ab Februar wird sich vermutlich einiges bei uns verändern – wir bekommen ein neues Familienmitglied und werden demnächst von unseren Reisen zu Dritt berichten. 😊

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Ich gratuliere euch von ganzem Herzen zu der neue Herausforderung! Abenteuer buslife zu Dritt! ❤️ schöööön!
    Kulturschock Deutschland habt ihr gut beschrieben. Bei uns ist es auch so. Einfach auf die Schweiz bezogen. Sind jetzt seit 4 Wochen wieder zurück und alle verlangen von uns, das wir uns schon eingelebt haben und wieder funktionieren…
    Wir träumen einfach schon von unserer nächsten Reise und freuen uns da drauf.
    Liebe Grüsse an euch „drei“!
    Veronica

  2. Margret Evers sagt:

    Ja Ja Deutschland ist nicht so einfach sich nach einer so langen Reise wieder zurecht zu finde.Ich bin immer noch begeistert von eurer Reise und schau immer mal wieder in eurem Blog.Wir sind glücklich euch nach einer so langen Reise wieder bei uns zu haben.Riesig freuen wir uns bald ein neues Enkelkind in die Arme nehmen zu können.Wir sind einfach nur Happy

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